27.-29. Mai 2024
STATION Berlin
Tabea Leukhardt ist seit mehr als zehn Jahren Expertin für nachhaltiges Wirtschaften in Unternehmen und Organisationen. Gemeinsam mit dem Kollektiv für Zukunftskultur unterstützt sie Kultur- und Medieneinrichtungen beim Aufbau von Nachhaltigkeitsstrategien, der Wesentlichkeitsanalyse und der Umsetzung einzelner Maßnahmen (z.B. CO2-Bilanz, nachhaltiges Veranstaltungsmanagement, Nachhaltigkeitsberichte als Nachweis für Förderprogramme). In der Akademie für Zukunftskultur bildet sie zu*r „Nachhaltigkeitsmanager*in in Kultur und Medien“ aus, vernetzt Akteur*innen und lädt zum Dialog ein. Seit März 2022 berät Tabea das re:publica-Team beim Aufbau eines konsolidierten Nachhaltigkeitsteams und -managements. Wir freuen uns auf die weitere inspirierende Zusammenarbeit und haben mit Tabea im Interview über ihre Arbeit, den aus ihrer Sicht größten Herausforderungen und Potenzialen im Bezug auf nachhaltige Events gesprochen.
Zum Einstieg die übliche Frage: Wer bist du und was machst du?
Tabea: Ich bin Tabea Leukhardt, ehemalige Referentin des Nachhaltigkeitsrates mit
Schwerpunkt „Nachhaltiges Wirtschaften".
Nach meiner Zeit beim Nachhaltigkeitsrat bin ich zunächst in die Feldforschung
gegangen mit dem Wunsch, von der politischen Realität in die Praxis zu kommen. Ich
habe renaturiert, Kunstkurse für an Schizophrenie erkrankte Wohnungslose angeboten,
Medienbildung konzipiert. Vor allem habe ich viel zugehört. Und verstanden:
Lebenskultur, Subkultur, Hochkultur – sie alle sind Vermittler von Werten und
Veränderungsprozessen. Und das brauchen wir dringend: Unsere Gesellschaft steht in
diesem Jahrzehnt vor einer riesigen Transformation, wenn wir unsere natürlichen
Lebensräume nicht verlieren wollen. Aber wie auch in der Privatwirtschaft gilt: auch
die Organisationsführung von kulturellen Einrichtungen ist noch längst nicht in allen
Dimensionen nachhaltig. Wenn wir glaubwürdig arbeiten wollen müssen wir den Wandel
auch betrieblich einleiten. Um Organisationen bei ihrem Wandel zu unterstützen und
diesen auch politisch mitzugestalten, habe ich das Institut für Zukunftskultur
gegründet. Wir begleiten Prozesse, messen und managen Nachhaltigkeitskonzepte und
bilden in der Akademie für Zukunftskultur Nachhaltigkeitsmanager*innen aus.
Wie ist der Bedarf in der Veranstaltungsbranche und wo siehst du die größten
Herausforderungen im Bezug auf Nachhaltigkeit?
Die Kulturbranche ist engagiert, hat ein wachsendes Bewusstsein für einzelne
Nachhaltigkeitsthemen, wie bspw. Diversität, Inklusion, zunehmend auch Klimaschutz.
Schauen wir genauer in die Organisationen rein, dann sehen wir aber: wir haben es mit
Einzelpersonen zu tun, die on top ihrer eigentlichen Aufgabe nachhaltige Maßnahmen
umsetzen. Es fehlt an strategischen Ansätzen (Budget, Kapazitäten, Zielvorgaben), an
struktureller Unterstützung (Förderprogrammen, Netzwerken, politischer
Gestaltungsmöglichkeit) – an allem, was Nachhaltigkeit zu einem professionellen und
sinnhaften Unterfangen macht. Hier brauchen wir einen klaren politischen Auftrag,
Konzepte zur Finanzierung von Wissensvermittlung, Prozessbegleitung und
Austausch.
Von einem einheitlichen Nachhaltigkeitsverständnis bis hin zur Umsetzung:
Professionelles Nachhaltigkeitsmanagement meint alle Dimensionen von Nachhaltigkeit
(sozial, ökologisch, ökonomisch) gleichzeitig in den Blick zu nehmen und nach
Wesentlichkeit umzusetzen. Wie andere Branchen auch, verstrickt sich die
Veranstaltungsbranche in Einzelmaßnahmen und Diskussionen zu „geht nicht, ist nicht
finanzierbar“. Dabei gilt: dieses ist das relevante Jahrzehnt, wenn wir unsere
natürlichen Lebensräume noch erhalten wollen. Dafür müssen wir uns trauen, mit
Exaktheit auf die (ökologischen und sozialen) Auswirkungen unseres Tuns zu schauen –
das heißt u.a. CO2 bilanzieren, soziale Herausforderungen ehrlich und transparent zu
evaluieren. Und dann mit Entschlossenheit und Optimismus handeln.
In welchen Bereichen siehst du das meiste Potenzial für die Eventbranche
nachhaltiger zu werden?
Aufgrund der anhaltenden Pandemie ist die Eventbranche ständig mit Herausforderungen
der wirtschaftlichen Nachhaltigkeit konfrontiert: Findet unsere Veranstaltung
überhaupt statt? Wie gut sind wir gebucht? Schaffen wir den Break Even? Daraus ergeben
sich Zielkonflikte im sozialen Bereich: Prekäre Anstellungs- und Honorarbedingungen,
Personalmangel, zusätzliche Maßnahmen wie Workshops zu Barrierefreiheit und/oder
Diversität. Wo zuerst anpacken? Aus dem Mittelstand wissen wir: Wer im Risikomodus
operiert, kann nur mit großer Anstrengung strukturelle Veränderungen anstoßen und über
eine kurzfristige Planung hinweg vorsorgen.
Dabei gilt es zügig zu handeln: Die Eventbranche hat einen hohen CO2-Ausstoß,
insbesondere im Bereich Energie (Strom), Wärme, An- und Abreise von Besucher*innen.
Auch wenn die gesetzlichen Pflichten noch nicht greifen: Über den EU Green Deal und
das Klimaschutzgesetz gibt es die klare politische Vorgabe, CO2 zu reduzieren. Ganz zu
schweigen von dem gesellschaftlichen Auftrag.
Zusammenarbeit mit der re:publica: Wie unterstützt ihr die #rp22 im
Nachhaltigkeitsmanagement und wie sieht die Zusammenarbeit mit der republica GmbH
darüberhinaus aus?
Wir begleiten die re:publica seit März bei der nachhaltig(er)en Eventplanung.
Konkret heißt das: wir haben gemeinsam mit dem gesamten Team Maßnahmen, Utopien,
Hemmnisse gesammelt und nach Wesentlichkeit sortiert. Was ist innerhalb der eigenen
Systemgrenzen optimierbar? Wie viel Budget, Kapazitäten brauchen wir für die
Maßnahmen? Welche Maßnahmen sind in unserem aktuellen Rahmen machbar und wirksam? Da
kamen schnell ca. 180 Maßnahmen zusammen. Auf der Grundlage des ersten Workshops haben
wir eine Nachhaltigkeits-AG etabliert, Maßnahmen evaluiert, in die Umsetzung gebracht.
Nun gilt es, die aufgestellten Hypothesen zu überprüfen, will heißen: wir werden die
re:publica als Veranstaltung CO2-bilanzieren, Potentiale auswerten, mit
Kooperationspartner:innen und Dienstleister:innen in den Diskurs gehen, an einer
Klimastrategie für die rp23 arbeiten.
Vielen lieben Dank an Tabea für das Interview!
Weitere Infos zum Nachhaltigkeitskonzept für die re:publica 22 gibt es hier auf unserer Infoseite.